Bobzin im Fernsehen

Anläßlich des Mauerbaus vor 40 Jahren am 13. August 1961 verfilmte die ARD vier der skurrilsten und aufsehenerregendsten Fluchtgeschichten aus den darauffolgenden Jahrzehnten an den Originalschauplätzen. Eine dieser Geschichten war die Flucht eines 23jährigen Schlossers aus Gadebusch, der sich im August 1973 samt Frau und Kind in einer zuvor vom nahegelegenen Agrarflugstützpunkt geklauten Sprühmaschine in Richtung Lübeck nach Westen absetzte. Da der Flucht-Flugplatz heute jedoch nicht mehr existiert, bot sich Bobzin mit seiner UL-Betriebserlaubnis als Ausweichdrehort an. Für das Fernsehen war es kein Problem, für die Zeit der Dreharbeiten eine erweiterte Start- und Landegenehmigung für die benötigte (nach heutiger Zulassung) Echo-Klasse Maschine des Typs 'Zlin' zu bekommen, zumal die knallgelben Agrarflieger hier früher auch zu Hause waren.

An einem sonnigen Wochenende im Mai 2001 war es dann soweit. Der WDR rückte mit großem Equipment an und wir mußten uns für die Dauer der Dreharbeiten mit der Rolle von Zaungästen bescheiden. Aus dem nur 30 km entfernten Neustadt-Glewe reiste eine heute in Privatbesitz befindliche 'Zlin' samt Pilot an und wurde flugs vom Filmteam mittels Aufklebern und Folien in einen 'original' DDR-Agrarflieger zurückverwandelt.

Nicht nur der anwesende Ex-Flüchtling Jürgen Glaser stand dem Filmteam mit Rat und Tat zur Seite, auch unser 'Towermobil' durfte wegen ausreichender Authentizität mit ins Bild. Wie es den Kameraleuten jedoch gelang, permanent um unseren schönen neuen Hangar 'herumzufilmen', wird auf immer das Geheimnis des Regisseurs bleiben ;-). Daß sich die im Mai gelbblühenden Rapsfelder allerdings nicht ganz mit dem 'Fluchtmonat' August vertrugen, dürfte sicherlich kaum einem Zuschauer aufgefallen sein.

Der bei der Interflug als Flugzeugmechaniker angestellte Jürgen Glaser hatte trotz seiner Kenntnis der Flugzeugtechnik den Boden noch nie verlassen. Der Wunsch, der DDR auf immer den Rücken zu kehren, war jedoch so übermächtig geworden, daß er sich mittels eines 'geborgten' Flugbetriebshandbuches über Monate hinweg ausschließlich theoretisch mit den Grundlagen des Fliegens vertraut machte. Daß das Agrarflugzeug in typischer DDR-Paranoia fünffach mit Schlössern gesichert war, stellte allerdings ein nahezu unüberwindbares Fluchthindernis dar. Doch die Ausnutzung günstiger Umstände, die Vortäuschung einer dringend notwendigen Reparatur und die Vertrauensseligkeit eines Piloten und des Flugplatzaufsehers brachten Jürgen Glaser in den Besitz aller Schlüssel. Schnell wurden Frau und Kind zum Platz gebracht und in dem dunklen Frachtraum hinter dem Pilotensitz verstaut.

War schon der Start eine adrenalintreibende Angelegenheit, die den am Rande des Stalls dahintaumelnden Flieger nur mit viel Glück über die in Verlängerung der Startbahn stehende Baumgruppe hob, so hatte sich der autodidaktische Pilot über die schwierigste Flugphase, die Landung, überhaupt noch keine Gedanken gemacht. Die überrumpelten Grenztruppen hatten den kurzen Flug zur Grenze glücklicherweise nicht behindert und so war das nur wenige Kilometer westlich liegende Lübeck mit dem Flughafen Blankensee nicht zu verfehlen. Am Ziel wäre dem Piloten die fehlende Praxis sicherlich zum Verhängnis geworden, wäre nicht einer der anwesenden Fluglehrer mit seiner Cessna aufgestiegen und hätte dem erkennbar unsicheren Flieger mit den DDR-Hoheitskennzeichen per Handzeichen und gutem Beispiel die notwendige Landehilfe gegeben. So war nach der Landung lediglich ein geknicktes Fahrwerk zu beklagen, der tollkühne Pilot und seine Familie hatten aber alles unversehrt überstanden.
Ausgestrahlt wurde der Film am Donnerstag, dem 16. August 2001, um 21.45 Uhr von der ARD. Aufgeschrieben hatte die zugrundeliegenden Geschichten der Autor Bodo Müller in seinem Buch "Faszination Freiheit", erschienen im Ch. Links Verlag, Berlin.